Rückblick

Hanau vor einem Jahr. Was war da noch?

Rede für die Gedenkveranstaltung am 19. Februar 2021

Heute jährt sich zum ersten Mal der Tag, an dem in Hanau zehn Menschen ihr Leben durch rechte Gewalt verloren haben. Acht teilweise noch sehr junge Männer und eine Mutter von zwei Kindern wurden hingerichtet, weil sie nicht in das völkisch-
rassistische Weltbild eines Mannes passten. Ein weiteres Todesopfer war die Mutter des Täters, die er umbrachte, bevor er sich selbst tötete.
Der rechte Terror in Hanau reiht sich ein in eine nicht abreißende Reihe rechter Gewalttaten in unserem Land. Mehr als dreihundert Menschen verloren in den vergangenen fünfzig Jahren ihr Leben, weil sie aus Sicht der Täter die falsche
Hautfarbe, die falsche Haarfarbe, die falsche Religion oder die falsche sexuelle Orientierung hatten, weil sie Linke waren oder weil sie auf der Straße lebten.
In West- wie im Ostdeutschland wurde diese Art der Gewalt entpolitisiert, verschwiegen und kleingeredet. Dies ist wenig verwunderlich, lebten doch noch viele der ehemaligen NS-Täter mitten unter uns. Man erfuhr kaum etwas über die Opfer rechter Gewalttaten.
Das Münchner Oktoberfest-Attentat mit 13 Toten und zweihundert Verletzten und der Doppelmord in Erlangen – beides ereignete sich 1980, sind Beispiele hierfür. Erst aufgrund zivilgesellschaftlichen Drucks wurden mehr als dreißig Jahre nach dem Oktoberfestattentat die Ermittlungen wieder aufgenommen. Und vierzig Jahre später wurde der Anschlag dann offiziell als rechtsterroristische Tat eingestuft.
Auch der Mord an Shlomo Lewin und Frida Poeschke, die 1980 in ihrem Wohnhaus im mittelfränkischen Erlangen von einem Neonazi der „Wehrsportgruppe Hoffmann“ erschossen wurden, hinterlässt viele Fragen. Das jüdische Mordopfer Shlomo Lewin wurde damals von Seiten der Behörden und Teilen der Presse massiv
kriminalisiert. Für diesen Rufmord erfolgte nie eine Entschuldigung.
Mehr als einhundert Todesopfer rechter Gewalt waren allein in den 1990er Jahren zu beklagen. Und in einer fremdenfeindlichen Stimmung – wir denken z.B. an die brennenden Häuser von Rostock-Lichtenhagen 1992 – formte sich der „Nationalsozialistische Untergrund“ (NSU) auf dessen Konto zehn Tote und zahlreiche Verletzte gehen.
Dreizehn parlamentarische Untersuchungsausschüsse widmeten sich seit 2012 der NSU-Verbrechensserie, aber das Unterstützernetzwerk rund um das mörderische Kerntrio wurde nicht zur Verantwortung gezogen. Nazis jubelten am Tag der Urteilsverkündung; weitere relevante NSU-Verfahren sind nicht in Sicht.
Und das Morden ging nach dem Auffliegen des NSU im November 2011 weiter. Mehr als vierzig Todesopfer rechter Gewalt sind seitdem zu beklagen.

Wie schwer sich Behörden tun, rassistische Gewalt als solche anzuerkennen, soll anhand des Anschlags am Münchner Olympia-Einkaufszentrum skizziert werden.

Am 22. Juli 2016, auf den Tag genau fünf Jahre nach dem Blutbad des bekannten norwegischen Rassisten, erschoss ein 18-jähriger AfD-Fan in der bayerischen Landeshauptstadt neun Menschen, die ihm nicht lebenswert erschienen. Obwohl der Täter Vernichtungsfantasien gegen zahlreiche Minderheiten geäußert hatte, wurde die Tat offiziell zunächst als unpolitischer „Amoklauf“ eingeordnet. Erst nachdem mehrere Expertengutachten die rassistische Motivation für die Tat ans Licht brachten, stuften die Behörden sie als „politisch motivierte Gewaltkriminalität“ ein. Warum nicht gleich so?
Auch aus den Ankündigungen anderer Nazis wurden in der jüngsten Vergangenheit Taten: Am 1. Juni 2019 wurde zum ersten Mal im Nachkriegsdeutschland mit Walter Lübcke ein ranghoher Politiker von einem Rechtsradikalen ermordet.
Vier Monate nach dem Lübcke-Mord dann der nächste rechte Anschlag. Diesmal am höchsten jüdischen Feiertag, Jom Kippur:

Am 9. Oktober 2019 versuchte ein glühender Antisemit in Halle an der Saale, fünfzig in der Synagoge versammelte Jüdinnen und Juden zu ermorden und erschoss schließlich zwei Nichtjuden Deutsche. Der Täter wurde noch am Tag des Anschlags gefasst und im Folgejahr zu lebenslanger Haft mit nachträglicher Sicherheitsverwahrung verurteilt.
Nur das Holz der Synagogentür hatte eine Massenhinrichtung verhindert. Für die Anschaffung dieser lebensrettenden Tür hatte die Stadt Halle kein Geld aufbringen wollen, sie musste aus Spenden finanziert werden. Vier Monate nach dieser abscheulichen Tat dann die Anschläge in Hanau am 19. Februar vergangenen Jahres.
Die Art und Weise, wie der rassistische Täter gegen die Menschen vorging, die sich in der Shisha-Bar „Midnight“ und dem Kiosk-Café „Arena Bar“ aufhielten, glich einer
Hinrichtung.
An vielen Plätzen Hanaus wurden Blumen und Kerzen für die Ermordeten niedergelegt. Die Solidarität mit den Opfern war deutlich sichtbar. Unter dem Motto „Die Opfer waren keine Fremden“ fanden unmittelbar nach den Mordanschlägen zahlreiche Gedenkveranstaltungen mit großer Beteiligung der Bevölkerung
statt.
An mehreren öffentlichen Orten in der Stadt kann man die Namen der Mordopfer lesen. Auf einer Häuserwand steht geschrieben:
“Say their names“. Auch wir wollen heute hier ihre Namen nennen, gemeinsam mit einigen weiteren, wir haben eine Auswahl treffen müssen. Es sind so viele.
Die Ermordeten von Hanau waren Teil der Gesellschaft, waren Fliesenleger, Shisha-Bar-Betreiber, Maschinenführer,

Anlagenmechaniker, Kioskmitarbeiterin, Lagerist, Paketzusteller und Betreuer ihrer Eltern. Sie waren Kinder, Brüder, Schwestern, Onkel, Tanten, Cousinen oder Cousins. Sie waren katholischen, orthodoxen und muslimischen Glaubens.
Für die meisten der hier Ermordeten war Hanau ihre Heimat. Sie wollten und wollen als Teil der Hanauer Stadtgesellschaft anerkannt und nicht auf einen Migrationshintergrund reduziert werden.
Die Schwester von Said Nesar Hashemi kritisierte bei der offiziellen Trauerfeier, dass einige Medien fälschlicherweise behauptet hatten, ihr ermordeter Bruder sei Afghane gewesen.
Sie sagte: „Er war schon immer ein deutscher Bürger, um genauer zu sein, ein Hanauer“. Ihr anderer Bruder überlebte schwer verletzt.
Auch die Schwester von Hamza Kenan Kurtović, der nur 22 Jahre alt wurde, sprach bei der offiziellen Gedenkveranstaltung. Die junge Frau appellierte an die Anwesenden: „Helfen Sie, liebe Trauernde, dass wir den Hass und das Gift namens Rassismus aus unserer Gesellschaft restlos verbannen und wir alle (…) friedlich und glücklich in unserem Land leben können“. Mit der „Initiative 19. Februar Hanau“ hat sich eine zivilgesellschaftliche, antirassistische Bürgerrechtsbewegung gegründet, die Politikerinnen und Politiker und Behörden in die Verantwortung nimmt: Die Initiative beklagt „das Versagen der Behörden vor, während und nach der Tat, (…) die Schwerfälligkeit der Ämter bei der Unterstützung und Hilfe“ für die Betroffenen, „das (…) Fehlverhalten der Sicherheitskräfte in der Tatnacht, (…) die Unwilligkeit und Schludrigkeit von Staatsanwaltschaft und Polizei bei den Ermittlungen, bei der Verfolgung von Spuren, bei dem Ernstnehmen neuer Bedrohungslagen“.
Die Initiative prangert an, dass der institutionelle Rassismus den Normalzustand in unserem Land darstellt und fordert „politische Konsequenzen“. „Rassismus, egal in welcher Form, darf nicht mehr geduldet, verharmlost oder ignoriert werden.“.
Wir schließen uns der Forderung dieser Initiative an und schauen dabei auch auf uns selbst:
„Wir alle wollen mit einer schlichten Selbstverständlichkeit einfach nur Mensch sein dürfen.“ So formulierte es Marina Weisband (Psychologin, Politikerin und jüdischen Glaubens), aus deren Rede vor dem Deutschen Bundestag am 27.Januar ich im Folgenden zitieren möchte: „[…] Einfach nur Mensch sein ist Privileg derer, die nichts zu befürchten haben […].
Jede Unterdrückung sei es Sexismus, Rassismus, Antisemitismus lebt davon, dass sie für die Nichtbetroffenen unsichtbar ist.

Wenn wir wirklich das Ziel haben, dass es egal sein soll wie man geboren wird, dann müssen wir den Finger in diese Wunde legen und wir müssen benennen wer […] um seinen Platz in der Welt kämpfen muss und wer nicht.[…]“
Wir Ahrensburgerinnen und Ahrensburger, die hier heute zusammengekommen sind oder diese Veranstaltung von zu Hause mit Sympathie begleiten, wir solidarisieren uns mit jenen, die von Rassismus und anderen Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit betroffen sind.
Vielen Dank!


Call Their Names

Shlomo Levin
Frida Poeschel
Ngoc Nguyen
Anh Lan Do
Ramazin Avci
Semra Ertan
Buhide Arslan
Yeliz Arslan
Ayse Yilmaz
Süleyman Tasköprü
Qury Jalloh
Ferhat Unvar
Mercedes Kierpacz
Sedat Gürbüz
Gökhan Gültekin
Hamza Kurtovic
Kaloyan Velkov
Said Nassar Hashemi
Fatih Saracoglu
Vili Viorel Paun


Semra Ertan

Wir gedenken Semra Ertan, die sich, um ein Zeichen gegen
Rassismus zu setzen, 1982 in Hamburg selbst verbrannte.
Sie hinterlies viele Gedichte, die ihr leidvolles Leben
beschreiben.

Einsamkeit

Nur du bist geblieben,

Die mich liebt, unter dem, was ich liebe.

Nur du bist es,

Die ich nicht vergessen kann…….

Ich frage mich;

Warum wurde ich vergessen?
Warum bin ich einsam?
Warum bist nur du mir geblieben?

Frage und frage……
Eine Antwort fand ich nicht…….
Ich überließ mein Selbst
Sich selbst,

Der Einsamkeit……..

<Foto von Gedenkort>
Kreuzung Simon-von-Utrecht-Straße / Detlev-Bremer-Straße in Hamburg